Ostholsteiner Anzeiger vom Mittwoch, 10. Oktober 2007

Teilnehmen am Leben der anderen

Kay-Broder Binge zeigt das Tagebuch seiner ersten Polenreise. Neben ihm Dr. Alicia Eckert.

Die Annäherung zwischen Polen und Deutschen verlief in einer sehr wechselvollen Geschichte nie konfliktfrei. Aber es sind trotz der Schwierigkeiten viele Freundschaften entstanden − oft für ein Leben lang.

Plön/oha − Diese Verbundenheit zeigte der deutsch-polnische Abend kürzlich im Kulturforum „Alte Schwimmhalle” in Plön. Rund 100 Gäste besuchten die Vortragsveranstaltung der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel e.V.”, des Plöner Kreisverbandes der „Europa Union” und der Plöner Sektion der „Universitätsgesellschaft Schleswig-Holstein”. Anlass war der 50. Jahrestag der Römischen Verträge. Mit einem polnischen Büfett und Musik wurde über die aktuelle Bedeutung der Europäischen Union sowie die deutsch-polnischen Beziehungen diskutiert.

Prof. Dr. Dr. Manfred Hanisch referierte über „Europäische Identität - Konstrukt oder Pespektive”.

Der Kieler Historiker Prof. Dr. Dr. Manfred Hanisch betonte in seinem Vortrag über „Europäische Identität” die positiven Aspekte Europas. Die Gemeinschaft stabilisiere die Wirtschaft und biete außenpolitische Sicherheit. Davon profitierten alle Staaten. Die EU übe mit Demokratie und Menschenrechten mehr Kontrolle als „demokratisches Stützkorsett” auf EU-Partner mit einer wackligen Demokratie aus. Auch Deutschland wäre ohne die EU nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu einer starken Demokratie geworden, sagte Hanisch. Er sehe keine Alternative für die Europäische Union, um auch den Globalisierungszwängen und großen Machtzentren wie USA oder Russland standzuhalten.

Sein Vortrag löste leidenschaftliche Kommentare aus. Einige Gäste bewerteten die Entscheidungen der Politiker in Europa-Fragen als zu undurchsichtig. Vieles sei noch verbesserungsfähig.

Anschließend fragte die Moderatorin Dr. Ilse Dygutsch-Lorenz von der „Europa Union Schleswig-Holstein” Hanisch, warum es für viele schwierig sei, sich mit Europa zu identifizieren. Der Historiker sagte, dass kulturelle und sprachliche Barrieren die Bürger hemmten aufeinander zuzugehen. „Wir können nicht teilnehmen an dem, was die anderen Länder bewegt.” Noch wisse der Einzelne zu wenig über seine europäischen Partnerländer, sagte er. Auch nach dem EU-Beitritt 2004 sei Polen für viele Deutsche ein fremdes Land. Hanisch forderte mehr Kommunikation und Teilnahme zwischen den EU-Staaten.

Spielte polnische und deutsche Musik auf Akkordeon und Klavier: Czeslaw Cwiek.
Fotos: Melanie Kaacksteen

Die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen sowie die Bedeutung der Auslandsgesellschaften wurde in Diskussionsrunden thematisiert. Roland Reche von der „Deutsch-Polnischen Gesellschaft” engagiert sich seit über 30 Jahren für die Verständigung zwischen Polen und Deutschen. Er hob die Bedeutung der persönlichen Kontakte hervor. Denn in der Zeit des Kommunismus sei es sehr schwierig gewesen, die Beziehungen zu pflegen. Dabei hielten die Freundschaften in politischen Krisenzeiten besser stand als diplomatische Beziehungen.

Eine Chance für die Verständigung zwischen den beiden EU-Nachbarländern biete der Schüler- und Studentenaustausch. Dr. Alicia Eckert, Leiterin der Gustav-Friedrich-Meyer Schule in Kiel, organisiert den Schulaustausch mit der Patenstadt Gdynia. Ein besonderer Höhepunkt sei für sie, wenn die anfänglichen Vorurteile der Schüler gegenüber den Polen mit dem Besuch korrigiert würden und Freundschaften entstünden, sagte die 43-jährige Lehrerin.

Diese prägende Erfahrung machte auch der 38-jährige Kay-Broder Binge während seiner ersten Polenreise 1986 mit dem Schulchor nach Jarocin. Damals habe er Angst gehabt, nach Polen zu fahren aufgrund der Berichterstattung über das sozialistische Regime. Aber dies änderte sich, sobald sie ihren Gastfamilien begegneten: „Als wir da waren, war die Angst auf einmal wie weggeblasen.„ Die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Leute habe die gegenseitige Distanz abgebaut.

MELANIE KAACKSTEEN